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MusikEuropa

Politisch wider Willen: Der Eurovision Song Contest in Malmö

7. Mai 2024

Die weltpolitische Lage macht auch vor dem Eurovision Song Contest (ESC) nicht halt. In diesem Jahr wird der Musikwettbewerb gleich von zwei Kriegen überschattet.

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Ein Polizist steht vor einer Wand mit dem ESC-Logo "United by Music".
Wie politisch überschattet der ESC 2024 ist, zeigen die Sicherheitsvorkehrungen in MalmöBild: Johan Nilsson/TT NYHETSBYRÅN/picture alliance

Immer wieder taucht sie auf: Die Diskussion darüber, ob der ESC politisch ist oder nicht. Es steht zwar in den Statuten der Europäischen Rundfunkunion EBU, dass der ESC ganz und gar unpolitisch sein soll. Dennoch: die Zahl der Songs mit klaren Positionen gegen Krieg und Menschenrechtsverletzungen, aber auch für Female Empowerment und Diversität nimmt zu. Und das obwohl die EBU als Veranstalter des Wettbewerbs gebetsmühlenartig wiederholt, dass es sich um eine Kulturveranstaltung handele, bei der Politik nichts zu suchen habe.

Die israelische Musikerin Netta Barzilai hält ihre Siegestrophäe hoch.
2018 gewann Netta für Israel mit einem deutlich feministischen LiedBild: Vyacheslav Prokofyev/TASS/dpa/picture alliance

Gerade in diesem Jahr scheint es besonders schwer, dies einzuhalten. Israel steht aktuell wegen des Kriegs im Gazastreifen mit zehntausenden Toten international immer stärker in der Kritik. Seit 51 Jahren nimmt das Land am ESC teil - und der Nahostkonflikt spiegelte sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten öfters wider. 1973 war die Sängerin Ilanit die erste Künstlerin, die für Israel antrat. Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen - wenige Monate zuvor hatten palästinensische Terroristen elf israelische Sportler im Olympiadorf in München getötet. Ilanit soll eine kugelsichere Weste getragen haben, das Publikum musste während ihres Auftritts sitzen bleiben, und die Fotografen mussten die Hallendecke ablichten, um zu zeigen, dass ihre Kameras keine getarnten Schusswaffen waren.

Israelische Kandidatin muss beschützt werden

Unter besonderem Schutz muss auch die diesjährige israelische Kandidatin Eden Golan auftreten.  Schon zu Beginn des Jahres hatten mehrere Teilnehmerländer die EBU aufgefordert, Israel vom Wettbewerb auszuschließen. Fast wäre dies sogar passiert. Jedoch nicht wegen des Gazakrieges, sondern wegen des ursprünglichen Titels des israelischen Beitrags "October Rain", der nach Ansicht der EBU-Verantwortlichen zu stark an den Auslöser des Israel-Hamas Kriegs erinnerte: den Terrorangriff auf Israel vom 7. Oktober 2023, bei dem rund 1200 Menschen getötet und 240 als Geiseln nach Gaza verschleppt worden waren. Der Text des Liedes wurde geändert, Golan wurde zugelassen. Der Protest aber ebbte nicht ab.

Eden Golan, Porträt vor einem Bühnenbild mit Sternen.
Die israelische Teilnehmerin Eden GolanBild: Oleg Krasavin/Wikipedia

"Die Rundfunk­union erkennt die starken Gefühle und Meinungen an, die der diesjährige ESC - vor dem Hintergrund eines schrecklichen Krieges im Nahen Osten - hervorgerufen hat", bemühte sich die EBU um Schadensbegrenzung. Für die Zulassung Israels zum Wettbewerb sei aber allein die EBU verantwortlich "und nicht die Künstlerin". Sie reise nach Malmö, "um ihre Musik, ihre Kultur und die universelle Botschaft der Einheit durch die Sprache der Musik zu teilen".

Von Anfang an nicht unpolitisch

Zurück zu den Anfängen: 1956 fand der erste Wettbewerb im schweizerischen Lugano statt. Damals noch unter dem Namen "Gran Premio Eurovisione Della Canzone Europea" oder kurz und französisch: "Grand Prix". Der Hintergrund der Veranstaltung war: Völkerverständigung. Das war spannend, denn es traten Länder gegeneinander an, die sich noch elf, zwölf Jahre zuvor im Zweiten Weltkrieg erbittert bekämpft hatten.

Schwarz-weiß-Porträt einer Frau von 1956.
Die Schweizer Sängerin Lys Assia gewann den ersten "Grand Prix" 1956Bild: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Immerhin, es klappte, sieben Länder nahmen teil, darunter auch Deutschland. Der Wettbewerb wuchs von Jahr zu Jahr, 1968 waren bereits 17 Länder dabei. Und erstmals gab es deutliche, politisch motivierte Misstöne, weil der spanische Kandidat auf Katalanisch singen wollte. Das gefiel dem diktatorischen Franco-Regime in Spanien nicht, denn Katalanisch galt damals als Sprache der Freiheit und Demokratie. Stattdessen schickten sie eine Sängerin mit einer spanisch-englischen Version des Liedes. Titel: "La La La". Der Song gewann.

Nach der Teilung Zyperns (1974) standen sich Griechenland und die Türkei feindlich gegenüber. 1975 boykottierte Griechenland den ESC, 1976 nahm die Türkei nicht teil, übertrug die Show aber im Fernsehen. Während des griechischen Beitrags wurde die Sendung unterbrochen und stattdessen ein nationalistisches türkisches Lied gespielt.

Israels Sieg einfach unterschlagen

ESC in Paris 1978: Als klar war, dass Israel mit Izhar Cohen gewinnen würde, brach Israels Nachbarland Jordanien die Übertragung ab und verkündete frech den belgischen Beitrag als Siegertitel.

Sängerin Nicole sitzt mit einer weißen Gitarre vor einem Mikrofon und singt.
1982 gewann Nicole des ESC für Deutschland mit "Ein bisschen Frieden"Bild: Martin Athenstädt/picture alliance/dpa

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in Europa stand die junge deutsche Sängerin Nicole 1982 mit einer weißen Gitarre auf der Bühne, sang eine zuckersüße Friedensbotschaft ins Mikrofon und gewann den Wettbewerb. Es stellte sich die Frage: Darf der ESC politisch sein, wenn es sich um eine positive Botschaft handelt? 

Geht es noch um die Musik?

Dass es selbst der EBU nicht immer gelungen ist, sich aus politischen Wirren herauszuhalten, zeigte spätestens der Ausschluss Georgiens im Jahr 2009. Der Grund war ein antirussisches Wortspiel im Titel des Songs "We Don't Wanna Put In". 2021 wurde Belarus vom Platz gestellt - wegen seiner offensichtlichen Lukaschenko-Unterstützung. Die belarussische Band wurde nicht zugelassen, weil sie in ihren Songs die Proteste gegen Lukaschenko von 2020 kritisiert hatte.

Der Rausschmiss Russlands 2022 aus dem ESC-Teilnehmerfeld ist eine Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine. Plötzlich spielten russische Künstler und ihre Musik, unabhängig von ihrer politischen Einstellung, keine Rolle mehr.

Musiker stehen auf der einer Bühne, über ihnen leuchten die Scheinwerfer in den ukrainischen Farben blau und gelb.
Das ukrainische Kalush Orchestra gewann den ESC 2022 in Turin Bild: Yara Nardi/REUTERS

Nicht nur die - vermeintlichen - Botschaften der Lieder oder Feindschaften zwischen verschiedenen Ländern sorgten hier und da für Aufregung beim ESC. Nationale Jurys haben von Anfang an bis heute oft keinen Hehl daraus gemacht, mit welchem Teilnehmerland sie befreundet sind oder welches sie offen abstrafen, obwohl dies nichts mit der Qualität des Liedes zu tun hat. So ging es sicher nicht um die Musik, als die nationale Jury Russlands 2014 mit null Punkten auf den Auftritt der Drag Queen Conchita Wurst reagierte. Aber das russische Publikum wählte sie auf den dritten Platz. Conchita gewann den ESC haushoch

Die ukrainische Sängerin Jamala auf der Bühne mit ukrainischer Flagge.
Jamala gewann den Wettbewerb 2016 in StockholmBild: Britta Pedersen/dpa-POOL/picture alliance

 2016 beanstandete Russland das Lied "1944" der ukrainischen Teilnehmerin Jamala. Es erinnerte an die Vertreibung der Krimtartaren unter Stalin. Die EBU konterte damals, die Sängerin habe glaubhaft gemacht, dass es hier nicht um Politik, sondern um Familiengeschichte ging. Die Nachfahrin der Krimtartaren gewann den ESC.

Geldstrafe für die palästinensische Flagge

Auch eindeutige Forderungen und Parolen im Publikum oder seitens der Künstlerinnen und Künstler kommen immer wieder vor und werden geahndet. In Tel Aviv zeigte die isländische Band Hatari 2019 während der Punktevergabe die palästinensische Flagge. Der isländische Rundfunk musste daraufhin eine Geldstrafe an die EBU zahlen. Am selben Abend hatte kurz zuvor Madonnas Auftritt bereits für Murren gesorgt: Einer ihrer Tänzer trug eine palästinensische Flagge, ein anderer eine israelische.

Israelische Fans feiern vor der Bühne und halten eine israelische Flagge hoch.
Bilder wie dieses aus Liverpool 2023 soll es laut schwedischer Polizei nicht noch einmal gebenBild: Jessica Gow /TT NYHETSBYRÅNpicture alliance

Malmö wappnet sich indes für einen ESC ohne größere Zwischenfälle. Eine Partymeile wird es dieses Mal nicht geben, das Polizeiaufgebot wurde verstärkt. Überall hängen Überwachungskameras, die Sicherheitskräfte sind in Alarmbereitschaft. Für die ESC-Woche, die am Sonntag (5.5.2014) mit dem Defilee der Teilnehmerländer auf dem "Türkisen Teppich" begann und am Samstag (11.5.2024) mit dem großen Finale endet, sind zwei Großdemonstrationen gegen Israel angekündigt. Da die schwedische Polizei mit dem Schlimmsten rechnet, hat sie israelischen ESC-Fans verboten, ihre Landesflaggen mitzuführen. Die israelische Delegation darf ihre Hotelzimmer nur zu den Proben und Auftritten verlassen.

Wuensch Silke Kommentarbild App
Silke Wünsch Redakteurin, Autorin und Reporterin bei Culture Online