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Generalstreik legt Griechenland lahm

Sofia Kleftaki (aus Athen)
17. April 2024

Griechenland hat die Krise überwunden und in den vergangenen Jahren wirtschaftliche Erfolge verzeichnet. Der Großteil der griechischen Bevölkerung tut sich allerdings schwer damit, seine Lebenshaltungskosten zu decken.

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Eine Treppe führt nach unten auf ein Gitter zu, das geschlossen ist.
Nichts fährt mehr: Der Eingang zur Metro in Athen ist am Tag des Generalstreiks geschlossenBild: Sofia Kleftaki/DW

Die Metro-Eingänge bleiben vergittert, die Busse im Depot, in den Kiosken fehlen die Tageszeitungen: Griechenland ist an diesem Mittwoch (17.04.2024) wie stillgelegt. Als Reaktion auf die stetig wachsenden Lebenshaltungskosten hat der Dachverband der Gewerkschaften GSEE zum Generalstreik aufgerufen - das Motto: "Die Preise sind oben bei Gott, unsere Löhne unten im Tartaros [Teil der Unterwelt in den griechischen Sagen, Anm. d. Red.]". Auf der Liste der Forderungen stehen vor allem Lohnerhöhungen und der konsequentere Einsatz von Tarifverträgen, aber auch wirksame Maßnahmen gegen den dramatischen Preisanstieg, der überall in Griechenland um sich greift.

Den Auftakt des Generalstreiks machte bereits am Dienstag (16.04.2024) der landesweite 24-stündige Streik der griechischen Journalisten sowie des technischen und administrativen Personals aller Print-, Rundfunk- und Onlinemedien des öffentlichen und privaten Sektors. Auf vielen Fernseh- und Radiosendern liefen Wiederholungen, die Zeitungen wurden nicht produziert.

Ein Mann in schwarzer Kleidung steht auf einem öffentlichen Platz zwischen einem Banner des GSEE und einer Fahne, die auf einem Tisch liegt.
Mitglieder des GSEE informieren am Vortag des Generalstreiks in Athen über ihre Forderungen. Der Dachverband hatte den Streik initiiertBild: Sofia Kleftaki/DW

Griechenland hat sich von der schweren Finanzkrise der Jahre 2010 bis 2016 zwar erholt und verzeichnete in den vergangenen Jahren bedeutende wirtschaftliche Erfolge. In der griechischen Bevölkerung macht sich allerdings zunehmend Unzufriedenheit breit. Denn für einen großen Teil der Griechen stellt die Deckung der Lebenshaltungskosten eine ernste Herausforderung dar. Die Kaufkraft der Griechen ist laut Eurostat die zweitniedrigste in der EU. Nur Bulgaren können sich im Vergleich zu ihrem Einkommen noch weniger leisten.

Stillstand bei Bus, Zug, Metro, Tram, Taxi, Fähre

Vor allem das Transportwesen ist vom Streik betroffen: Die Athener Metro, sämtliche Züge und auch die Straßenbahnen streiken, die Fähren bleiben im Hafen, Busse verkehren lediglich in bestimmten Zeitfenstern. Auch Krankenhausärzte beteiligen sich an dem 24-stündigen Streik. Sie fordern unter anderem ein frei zugängliches Gesundheitssystem für alle und eine Aufstockung des Krankenhauspersonals.

Ein Mann im karierten Hemd steht neben einem gelben Auto mit Taxi-Schild.
Der Taxifahrer Pavlos Tsigkounakis am Syntagma-Platz in AthenBild: Sofia Kleftaki/DW

Taxifahrer legen ebenfalls die Arbeit nieder. "Um zu überleben und meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, muss ich im Schnitt mindestens zehn Stunden pro Tag arbeiten", beschreibt der Athener Taxifahrer Pavlos Tsigkounakis seinen Alltag. Ähnliches hat Giorgos Mamalis erlebt, ebenfalls Taxifahrer in Athen. "Wegen der hohen Preise und der enormen Steuerabgaben für uns Taxifahrer wird die Situation Tag für Tag schlimmer, ganz unabhängig davon, wie viel ich arbeite", erzählt er.

Ein Mann in rotem T-Shirt steht in der offenen Tür eines Bus und schaut in die Kamera.
Der Busfahrer Giorgos Aslanidis: wenig Lohn und schlechte ArbeitsbedingungenBild: Sofia Kleftaki/DW

Giorgos Aslanidis ist seit 20 Jahren Busfahrer. "Wir wollen unser Leben zurück", sagt er. "Viele sind der Meinung, dass ein Streik nichts bringt, aber es ist den Versuch wert." Für ihn ist nicht nur der niedrige Lohn ein Problem, auch die Arbeitsbedingungen hält er für kaum noch tragbar. "Es fehlt an Personal. Dazu kommen technische Mängel. In meiner Schicht musste ich gestern zweimal das Fahrzeug wegen einer Panne wechseln."

"Erfolgsgeschichte" oder "Höllenszenario"?

Griechenland hat den Mindestlohn im April 2024 um 6,4 Prozent auf monatlich 830 Euro angehoben. Doch für viele Griechinnen und Griechen ist das immer noch zu wenig. "Der griechische Mindestlohn liegt weit unter dem europäischen Durchschnitt", sagt Thanassis*, der bei der GSEE aktiv ist. Zusammen mit anderen Freiwilligen steht er am Tag vor dem Generalstreik am Metroausgang zum Syntagma-Platz in Athen und drückt Passanten Flyer der GSEE in die Hand. "Die Leute können sich Grundnahrungsmittel, wie beispielsweise Milch für ihre Babys, oder eine normale Wohnung nicht mehr leisten."

Mehrere Leute laufen eine Treppe hoch, eine Hand reicht ihnen einen Flyer.
Freiwillige des GSEE händigen den Passanten an der Metro-Station Syntagma Flugblätter ausBild: Sofia Kleftaki/DW

Der 29-Jährige glaubt, dass die bisherigen Maßnahmen der griechischen Regierung zur Stärkung der Wirtschaft nicht bei der Bevölkerung ankommen. "Die Erfolgsgeschichte über die Erholung der griechischen Wirtschaft betrifft vor allem die Investitionen. Wenn wir über die griechische Bevölkerung sprechen, dann handelt es sich um keine Erfolgsgeschichte, sondern um ein Höllenszenario."

Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst

Die starke Inflation der vergangenen Monate frisst bei vielen Griechinnen und Griechen die ohnehin schon niedrigen Löhne und Pensionen auf. Auch der 60-jährige Rentner Giorgos* kommt nur knapp über die Runden. "Am Monatsende bekomme ich meine Rente und an jedem zehnten des Monats müssen wir uns Geld von unseren Kindern leihen", erzählt er. "Unsere Rente reicht also gerade mal für zehn Tage." Dabei haben er und seine Frau Theodora* sogar eine eigene Wohnung und müssen keine Miete zahlen. Theodora, ebenfalls Rentnerin, hat 36 Jahre im öffentlichen Sektor gearbeitet. "Meine Rente beträgt 950 Euro. Und das reicht nicht mal für die Einkäufe im Supermarkt. Vor Corona haben wir für die Einkäufe von zwei Wochen 100 Euro bezahlt. Heute reicht die selbe Summe nur für wenige Tage. Wir versuchen überall zu sparen, kaufen nur noch Sonderangebote oder Produkte von niedrigerer Qualität."

Eine Frau steht mit einem Einkaufskorb in einer Regelreihe zwischen Waschmittelverpackungen.
Eine Frau in einem Athener Supermarkt im Oktober 2023. Obwohl sich die Wirtschaft erholt hat, ist die finanzielle Lage für viele Griechinnen und Griechen weiter angespanntBild: Kaki Bali/DW

Um den explodierenden Preisen entgegenzusteuern, führte die griechische Regierung im November 2022 den sogenannten "Haushaltskorb" ein, der für bestimmte Grundnahrungsmittel einen niedrigeren Preis garantieren soll. Für das anstehende griechisch-orthodoxe Osterfest am 05.05.2024 wurde sogar eigens der sogenannte "Osterkorb" eingeführt, der die Haushalte bei den Einkäufen für das wichtigste orthodoxe Fest entlasten soll. Trotzdem sind einige Produkte wie etwa Olivenöl zu Luxusgütern geworden - kaum noch bezahlbar für Teile der Bevölkerung.

Verständnis für den Streik - und Angst

Trotzdem ist Streiken nicht für jeden eine Option. Giorgos und Theodora erwähnen, dass viele Griechinnen und Griechen Angst haben, sich an dem Streik zu beteiligen. "Unserem Sohn würde am nächsten Tag gekündigt werden, wenn er streiken würde. Und wenn ein Gehalt in der Familie wegfallen würde, könnte die Familie nicht mehr ernährt werden", sagt Theodora.

Ähnliches berichtet Giorgos*, 36, der als Elektroingenieur in der Energiebranche arbeitet.

"In meiner Firma wurde ein Kollege entlassen, weil er an einem Streik teilgenommen hat", erzählt er. "Nicht nur in den schlechter bezahlten Branchen, sondern auch bei besser bezahlten Jobs haben viele Angst zu streiken, weil sie Nachteile im Job befürchten." Weit verbreitet sei auch der Gedanke, dass sich durch einen Streik nichts erreichen lasse. Doch Giorgos widerspricht: "Es geht meiner Meinung nach nicht darum, was man am nächsten oder übernächsten Tag von so einem Streik hat, sondern vielmehr darum, ein kollektives Bewusstsein zu schaffen." Nur so, glaubt Giorgos, können echte Veränderungen angestoßen werden.

*vollständiger Name ist der Redaktion bekannt